Liporal10-80

Es war einmal ein putziger kleiner Milchzahn.

Ach, was sage ich?
Er war nicht nur putzig und klein. Nein, er war geradezu der König aller Milchzähne! Nun, vielleicht war er nicht der König aller Milchzähne auf Erden. Aber der König aller Milchzähne in Peters Mund war er bestimmt.
Na ja gut – für einen König war er vielleicht noch ein bisschen zu klein. Nennen wir ihn einfach Prinz Milchzahn. Prinz Milchzahn der Erste.
Eines Abends verliebte sich Prinz Milchzahn der Erste. Ja. Es geschah im Badezimmer, kurz bevor Peter ins Bett gehen wollte. Eine niedliche lila Zahnbürste kam in Peters Mund zu Besuch. Sie roch gut. Nach Pfefferminz. Fast wie Kaugummi.
Sie schäumte vor Freude, als sie die Milchzähne sah. Auch die Milchzähne freuten sich über ihren Besuch, denn die lila Bürste war weich und streichelte schön sanft das Zahnfleisch.
„Komm zu mir!“ rief Prinz Milchzahn der Erste. „Komm her, du Schöne!“
Aber die lila Zahnbürste kuschelte sich nur an die vorlauten Schneidezähne und kümmerte sich gar nicht um Prinz Milchzahn den Ersten, denn er war zwar ein putziges Kerlchen, aber er saß ziemlich versteckt hinten in den Backen.
„O ja! Prima! Das tut gut!” lachte Boris Bissig, der vorwitzige Schneidezahn.
„Herrlich erfrischend, dieses Pfefferminz! Mach weiter!“ quietschte Ludwig Loch.
„Ja, hör nicht auf, kratz mir noch ein bisschen den Rücken!“ kicherte Ecki Eckzahn mit dem Karamellmantel.
„Wo st die alte Zahnbürste geblieben?“ maulte Rainer Ruine, der Durchlöcherte.
„Die kommt nicht mehr. Peter hat sie in seinen Malkasten gelegt, zu den Pinseln“, antwortete die lila Zahnbürste.
„Haha!“, grinste Ecki Eckzahn, „das gönne ich der blöden Ziege! Die war immer so kratzig. Nicht so zärtlich wie du!“
„Jetzt malt Peter mit ihr das Meer und den Himmel. Alle großen Flächen, weil das schneller geht. Hoffentlich ende ich nicht auch eines Tages ins einem Malkasten!“, seufzte die Zahnbürste.
„Bestimmt nicht!“ antworteten alle Zähne im Chor.
„Warum nicht? Wenn ich abgenutzt bin und die Haare verliere...“
„Das wird nicht passieren“, erklärte Rainer Ruine. „Peter putzt sich die Zähne nicht so oft, dass du Haarausfall kriegen könntest.“
„Stimmt“, sagte Ludwig Loch, „es wird Wochen dauern, bis wir uns wieder sehen.“
Plötzlich ließ Peter die neue lila Bürste ungestüm rauf und runter sausen. (Solche Anfälle bekam Peter nicht oft. Meist nur, wenn die Mutter ins Badezimmer kam und ihm zusah.)
Prinz Milchzahn der Erste rief jetzt, so laut er konnte: „Komm auch zu mir, du Schöne! Vergiss mich nicht!“
Und tatsächlich: Mit einem blitzschnellen Vorstoß in den Backenraum schoss die lila Bürste heran. Schon schäumte sie Prinz Milchzahn den Ersten ein und liebkoste ihn voller Sanftmut.
Vor Glück halb ohnmächtig hauchte der Prinz durch den Pfefferminzschaum: „Ich... ich... ich glaube, ich liebe dich.“
Da hielt die niedliche neue Zahnbürste inne, als müsste sie das Gehörte erst einmal verdauen.
Langsam zog Peter die Bürste aus dem Mund zurück.
„Och nein, bleib noch! Bitte geh noch nicht!“ klagte Ecki Eckzahn.
„Mensch, Peter! Du gönnst uns auch gar nichts!“ schimpfte Rainer Ruine, der Durchlöcherte.
„Aber wir sollen den ganzen Tag für dich arbeiten! Blödmann! Wenn das so weiter geht, streiken wir!“ maulte Ludwig Loch.
In dem allgemeinen Genörgele ging der letzte Satz der Zahnbürste unter. Sie rief, während sie schon durch Peters Lippen verschwand: „Ich liebe dich auch, du wunderschöner Milchzahn!“

Ja, so etwas gibt es. Es war Liebe auf den ersten Blick.
„Habt ihr das gehört?“ fragte Prinz Milchzahn der Erste seine Nachbarn. „Habt ihr das gehört? Sie liebt mich auch. Ist das nicht großartig? Ich könnte vor Glück aus dem Zahnfleisch springen!“
Aber dann kam für die Liebenden eine lange, quälende Zeit. Sie konnten zwar voneinander träumen, aber sie sahen sich nicht.
Ja, wenn sie Menschen gewesen wären, hätten sie sich Briefe schreiben können, eine SMS schicken oder durchs Telefon flüstern. Aber so? Was sollten sie tun? Schließlich waren sie keine Menschen, sondern nur ein verliebter Milchzahn und eine verknallte lila Zahnbürste.
Voller Sehnsucht fieberten sie einem neuen Treffen entgegen.
„Mit meinen besten Borsten werde ich meinen Liebsten liebkosen und ihn sorgfältig von allem Schmutz befreien“, schwor sich die Zahnbürste. Schließlich wollte sie, dass ihr der Geliebte noch lange erhalten blieb. Auf keinen Fall sollte er so werden wie Rainer Ruine oder Ludwig Loch.
Aber leider hatte Peter nur wenig Verständnis für die Liebenden. Er fand Mädchen blöd und Liebe doof. Vom Zähne putzen hielt er genauso wenig.
Wen wundert es also, dass Peter die schöne neue lila Zahnbürste einfach in den tiefsten Tiefen des dunklen Wäschekorbs versteckte.
Wenn seine Mutter ihn aufforderte, sich die Zähne gründlich zu putzen, sagte er immer: „Klar, Mama. Mach ich.“
Jedes Mal, wenn er das hörte, schöpfte Prinz Milchzahn der Erste neue Hoffnung. Doch immer wieder wurde er enttäuscht. Da wurde er vor lauter Liebesleid ganz krank und wacklig.
Eines Tages war Prinz Milchzahn der Erste das endlose Warten leid. Vor Kummer fiel er aus.
Und so endet diese Liebesgeschichte doch noch glücklich.
Warum glücklich???
Nun, weil Peters Mutter die lila Zahnbürste nach einiger Zeit unter der Wäsche fand. Die Borsten waren struppig und voller Fussel.
Da warf Mutter die Bürste in den Abfalleimer. Und dort trafen sich die Liebenden wieder!
Zwischen Bonbonpaper und leeren Konservendosen fühlten sie sich schließlich wohler als in Peters Mund.

 

 

Klaus Peter Wolf
www.klauspeterwolf.de